Ich hatte das Privileg, die letzten drei Tage in den Bergen zu verbringen und ich habe den einen Abend damit zugebracht, drei Stunden einfach da zu sitzen und den Sonnenuntergang zu beobachten. Einfach nichts zu tun, ich sass einfach nur da. Ich genoss die wundervolle Aussicht, das Summen der Bienen, das emsige Treiben der Fliegen und Käfer um mich herum und war in vollkommener Zufriedenheit. Ich war erfüllt von purem Lebensglück, innerer Ruhe und Balance.

Ist weniger wirklich MEHR?
Während der Wanderung hatte ich immer öfter das Gefühl der Gehetzten, ich müsse noch ein Stückchen weiterlaufen, noch mehr Kilometer laufen, noch höhere Gipfel erklimmen. Und ich dachte plötzlich, ist der Freizeitsport mittlerweile auch schon zu einem Leistungsdruck geworden? Bin ich nicht einmal mehr in der Lage, meine Freizeit in vollen Zügen zu geniessen, einfach mal nichts zu tun? Immer wieder ertappe ich mich beim nervösen Rumzappeln. Sitze ich für 5 min da, schon kommt ein Gedanke, ach ich müsste noch die Sachen wegräumen, schon mal die Kochutensilien bereitstellen, noch schnell das Nachtlager aufstellen… ich müsste nur noch, bevor ich… ich muss was genau? Noch MEHR hetzen, noch MEHR tun, noch MEHR von einem zum nächsten Etappenpunkt rennen? Für was oder wen?

Ist weniger wirklich MEHR?
Was ist das MEHR, dass mir wirkliche Zufriedenheit schenkt? Ich hatte mir für diese drei Tage bereits drei Etappenstrecken zurechtgelegt und irgendwie war dann immer dieser innerliche Druck, ich müsste doch noch ein bisschen weiterlaufen. Ich kann doch nicht nur 3 Stunden am Tag wandern? Dazu geht man doch nicht in die Berge. Man vielleicht nicht, aber was ist mit mir? Was schenkt mir Zufriedenheit? Den letzten Tag verbrachte ich an einem wundervollen Bergsee, das Wetter war einfach perfekt und der Ort Idylle pur für mich. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an dieser beeindruckenden Naturszenerie. Und da beobachtete ich etwas Interessantes. Viele Wanderer kamen vorbei, einige hielten an, setzten sich auf eine Bank und machten Rast. Einige hielten kurz inne, um dann mit strammem Schritt ihre Route weiter zu gehen. Einige hielten kurz an um ein Foto (wahrscheinlich für Insta – hallo Welt, ich war hier) zu machen und dann gleich weiter zu hetzen. Und da gab es noch einige, die den See nicht eines Blickes zu würdigen zu schienen. Welches MEHR schenkt ihnen wohl Zufriedenheit? Ich stellte mir diese Frage ebenfalls. Weniger See, dafür MEHR Höhenmeter und ein Gipfel MEHR oder MEHR See und Ruhe, dafür weniger Wanderkilometer.

Ist weniger wirklich MEHR?
Die Frage ist deshalb eher, von was weniger und von was MEHR. Wir alle streben nach MEHR, was auch vollkommen in Ordnung ist. Nur so kann Wachstum entstehen. Würden wir nicht nach MEHR Veränderung streben, würde Stillstand herrschen und das wäre gleichzusetzen mit dem Tod. Wir streben allerdings oft nach einem MEHR, dass uns nicht wirklich erfüllt und merken es oft nicht. Das MEHR ist natürlich für jeden etwas anderes. Klar, auch ich will MEHR.

Ich will definitiv MEHR von solchen Sonnenuntergängen, die ich ohne Zeitdruck einfach geniessen kann.
Ich will MEHR Zeit, Zeit für mich, die ganz allein mir gehört und ich nichts tun muss, absolut nichts.
Ich will MEHR Zeit mit meinem Hund, ihn sehen, wie er herumtollt, wie ein Speedster über die Felder jagt, sich an einer Socke erfreut als gäbe es kein besseres Spielzeug und wie er sich anschliessend genüsslich im Gras räkelt.
Ich will MEHR von dieser innigen Liebe zum Leben spüren und leben.
Ich will MEHR von dieser Ruhe.
Ich will MEHR von dieser inneren Balance und puren Lebensfreude.

Davon will ich definitiv MEHR! Ist weniger also wirklich MEHR?